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Therapien, von denen Ärztinnen und Ärzte abraten

Medizinische Fachgesellschaften veröffentlichen seit ein paar Jahren schwarze Listen mit Behandlungen und Untersuchungen, die mehr schaden als nützen. Wir haben einige der wichtigsten Empfehlungen zusammengestellt.

Felix Straumann
Aktualisiert am 21. Juni 2021

Unnötige Behandlungen oder Abklärungen gehen nicht nur ins Geld, oft schaden sie auch Patientinnen und Patienten. Studien weisen solche Fehlversorgungen zunehmend nach, und auch in den Medien sind sie oft Thema, zuletzt die massive Überverordnung von Säureblockern gegen Sodbrennen.

Verschiedene medizinische Fachgesellschaften veröffentlichen inzwischen Listen mit Verfahren, von denen sie abraten. Das soll helfen, die Überversorgung in Spitälern und Arztpraxen einzudämmen. Angefangen hat im Jahr 2014 die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM). Die Empfehlungen sind Teil der Initiative «Smarter Medicine». Vorbild ist «Choosing Wisely», eine ähnliche Initiative, die 2011 in den USA lanciert wurde und seither weltweit Verbreitung findet.

Die Negativlisten richten sich auch an medizinische Laien. Deshalb haben wir bereits 2017 zehn Empfehlungen aufbereitet, denen viele Patientinnen und Patienten im Alltag begegnen. Wir ergänzen diese nun hier mit einer Auswahl neuer Empfehlungen. Sie reichen von unnötigen Vitamin-D-Tests über falsch verschriebene Schlafmittel und kontraproduktive Check-ups bis hin zu vorschnell eingesetzten Blasenkathetern in Spitälern und Heimen. Fachlich unterstützt hat uns Prof. Dr. Stefan Neuner-Jehle vom Institut für Hausarztmedizin an der Universität Zürich.

Fünf Fragen, die Sie beim Arztbesuch stellen sollten

Diagnosen

1
Kopfschmerzen
Hirnaktivität messen bringt nichts

Empfehlung: Gezielte Fragen und eine medizinische Untersuchung reichen, um festzustellen, ob Kopfschmerzen einen gefährlichen Ursprung haben.

Nutzen: Keine Untersuchung ohne Nutzen, weniger Kosten.

Hintergrund: In gewissen Fällen können bei Kopfschmerzen weiterführende Untersuchungen gemacht werden, um eine gefährliche Ursache auszuschliessen. Die Elektroenzephalografie (EEG) ermöglicht die Messung der elektrischen Hirnaktivität, denn diese verändert sich bei gewissen Krankheiten wie beispielsweise bei der Epilepsie. Bei der Abklärung von Kopfschmerzen ist ein EEG jedoch nutzlos. Diese Methode generiert zusätzliche Kosten und bringt weder einen Vorteil im Vergleich mit anderen Untersuchungen, noch beeinflusst sie die Entscheidung über den Kostenträger.

Fachgesellschaft: Neurologie

2
Borreliose
Keine Tests bei unklaren Symptomen

Empfehlung: Bei unklaren Beschwerden des Bewegungsapparates sollten keine Borrelien-Tests durchgeführt werden.

Nutzen: Weniger unnötige Kosten, weniger falsch positive Ergebnisse, weniger unnötige Behandlungen.

Hintergrund: Ein positives Resultat bei einem Borrelien-Bluttest bedeutet nicht unbedingt, dass aktuelle Beschwerden durch eine Infektion mit den zeckenübertragenen Bakterien hervorgerufen werden. Es gibt aber bestimmte muskuloskelettale Beschwerden, die bei einer Borreliose auftreten können. Dazu gehören kurzzeitige Gelenkschmerzen oder Arthritis in einem oder mehreren grösseren Gelenken, meist dem Kniegelenk. Wenn solche Merkmale fehlen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für falsch positive Testergebnisse. Die Folge sind unnötige Behandlungen mit möglichen negativen Gesundheitsfolgen. Insbesondere diffuse Gelenk-­ oder Muskelschmerzen oder eine unklare Schmerzerkrankung (Fibromyalgie) deuten nicht auf eine Borreliose.

Fachgesellschaften: Rheumatologie, Infektiologie

3
Knieschmerzen
Warten mit dem MRI

Empfehlung: Bei Schmerzen im vorderen Knie ohne Einschränkung der Beweglichkeit oder Gelenkerguss ist zuerst eine konservative Behandlung angezeigt. Ausnahme: Unfälle oder Verletzungen.

Nutzen: Weniger falsche Befunde und dadurch unnötige Therapien durch eine vorschnelle Untersuchung im Magnetresonanztomografen (MRT oder MRI).

Hintergrund: Eine MRI-Untersuchung ändert bei vorderen Knieschmerzen nichts daran, wie schnell oder gut sie heilen. Es existieren zwar nur wenige gut gemachte Studien. Doch diese zeigen bei Patientinnen und Patienten mit vorderen Knieschmerzen keine unterschiedlichen Verläufe von Schmerz und Beweglichkeit, ob nun eine MRI-Untersuchung durchgeführt wurde oder nicht. Wenn es sich nicht um einen Unfall handelt, reicht deshalb entweder einfach zuzuwarten oder konservativ mit Physiotherapie zu behandeln. Eine MRI-Untersuchung hat hingegen das Risiko von falsch positiven Befunden, die unnötige, riskante und kostspielige Eingriffe zur Folge haben können.

Fachgesellschaft: Allgemeine Innere Medizin

4
Schwindel
Gezielte Befragung, keine Apparate

Empfehlung: Bei akutem Schwindel sollte zuerst immer eine ärztliche Befragung und Untersuchung erfolgen, nicht direkt eine MRT-Messung.

Nutzen: Weniger Kosten, weniger unnötige Untersuchungen, weniger falsche Verdachtsbefunde.

Hintergrund: Schwindel kann sehr viele verschiedene Ursachen haben, zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Probleme mit dem Gleichgewichtsorgan, Stoffwechselerkrankungen, Medikamenten-Nebenwirkungen, Augenerkrankungen oder auch Veränderungen im Nervensystem oder Gehirn. Patienten sollten deshalb zunächst gezielt befragt werden. Eine ärztliche Untersuchung der Augenbewegungen hilft ebenfalls bei der Ursachensuche. Zur Blickstabilisierung sind die Augenmuskeln im Gehirn mit dem Gleichgewichtsorgan (Innenohr) reflektorisch verbunden. Ein Test kann daher Hinweise liefern, ob der Schwindel auf Veränderungen im Gleichgewichtsorgan oder im Gehirn zurückzuführen ist. Eine Magnetresonanztomografie (MRT oder MRI) ist lediglich angezeigt, wenn eine Erkrankung im Gehirn wie ein Schlaganfall oder eine Hirnblutung vermutet wird.

Fachgesellschaft: ORL, Hals- und Gesichtschirurgie

5
Vitamin-D-Tests
Ohne Risikofaktoren nutzlos

Empfehlung: Bei Personen, die keine Risikofaktoren für einen Mangel haben, muss Vitamin D nicht gemessen werden.

Nutzen: Kosteneinsparungen bei gleicher Behandlungsqualität.

Hintergrund: In der Schweiz wird mittlerweile jährlich bei jedem fünften Erwachsenen der Vitamin-D-Spiegel gemessen. Das ist eine Verdreifachung in sieben Jahren, ohne dass es dafür einen medizinischen Grund gäbe. Diese Messungen sind nur sehr selten sinnvoll, schreibt die SGAIM. Sie verursachen Kosten und haben meist keinen Einfluss auf das empfohlene Vorgehen beim Arzt. Das gilt sogar für Patientinnen und Patienten mit einem Risiko für einen Vitamin-D-Mangel. Sie können die preisgünstigen und risikoarmen Präparate auch ohne Test einnehmen. Die Einnahme-Empfehlung betrifft vor allem Osteoporose-Patienten, Schwangere und Neugeborene.

Fachgesellschaft: Allgemeine Innere Medizin

6
Rückenschmerzen
Nicht gleich in die Röhre

Empfehlung: Bei Kreuzschmerzen ist es in der Regel besser, sechs Wochen zu warten, bevor eine bildgebende Diagnostik mittels CT oder MRI in Betracht gezogen wird.

Nutzen: Weniger Operationen, keine Komplikationsrisiken, keine Strahlenexposition, tiefere Kosten.

Hintergrund: Die meisten Erwachsenen leiden im Laufe ihres Lebens an Rückenschmerzen. Meist sind sie unspezifisch, was bedeutet, dass sie sich keiner bestimmten Ursache zuordnen lassen. Oft stecken Muskelverspannungen dahinter. Die Schmerzen klingen dann oft innerhalb von wenigen Wochen ab. Eine Untersuchung mit bildgebenden Verfahren wie Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT oder MRI) ist in diesen Fällen während der ersten sechs Wochen kontraproduktiv. Sie bergen das Risiko von nachfolgenden Operationen, die weder Stärke noch Dauer der Schmerzen verringern. CT oder MRT sind allenfalls angezeigt, wenn der Arzt bei der Untersuchung auf Warnzeichen stösst, beispielsweise auf Gefühlsstörungen oder Lähmungserscheinungen in Beinen und Armen, oder auf Blasen- oder Darmprobleme.

Fachgesellschaft: Allgemeine Innere Medizin

Medikamente

7
Cholesterinsenker
Keine Neuverschreibung bei Senioren

Empfehlung: Patientinnen und Patienten ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung sollen ab 75 nicht neu cholesterinsenkende Statine einnehmen. Auch die Messung der Blutfette ist ab diesem Alter wenig hilfreich.

Nutzen: Ohne Therapie keine Nebenwirkungen wie Muskelschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden oder Kopfschmerzen, weniger unnötige Kosten.

Hintergrund: In Studien haben Statine bei Betagten, die keine kardiovaskulären Vorerkrankungen haben, keinen oder höchstens einen geringen Nutzen. Es ist dabei unklar, ob die präventive Einnahme dieser Medikamente überhaupt Herz-Kreislauf-Ereignisse wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle und Todesfälle verhindert. Gleichzeitig haben Statine einschneidende Nebenwirkungen wie Muskelschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Juckreiz, erhöhte Leberwerte und Blutzuckerwerte, ein gesteigertes Diabetes-Risiko. Ohne Vorerkrankung ist es deshalb bei dieser Altersgruppe auch nicht sinnvoll, das Cholesterin im Blut zu bestimmen. Auch bei über 75-Jährigen mit Herz-Kreislauf-Krankheiten sollte der Entscheid für ein Statin erst nach ausführlicher Information und gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten gefällt werden.

Fachgesellschaft: Allgemeine Innere Medizin

8
Eisentherapie
Tabletten und Tropfen statt Infusionen, wenn überhaupt

Empfehlung: Ohne ausgeprägten Eisenmangel, Blutarmut und Symptome braucht es keine Eisenpräparate. Infusionen sind nur in Ausnahmefällen sinnvoll.

Nutzen: Keine zusätzlichen Kosten ohne Nutzen, keine unerwünschten Folgen.

Hintergrund: Wenn die Eisenspeicher gut gefüllt sind (Ferritin-Wert über 15 μg/L) und weder Blutarmut noch Symptome vorliegen, bringen Eisenpräparate nichts. Selbst wenn Betroffene trotz guten Blut- und Eisen-Werten unter Müdigkeit oder Leistungsabfall leiden, ist der Nutzen einer solchen Behandlung fraglich. In gut gemachten Studien fühlen sich die meist weiblichen Patienten bestenfalls subjektiv leicht weniger müde, möglicherweise die Folge eines Placebo-Effekts. Falls aber aufgrund eines Mangels tatsächlich eine Eisensubstitution angezeigt ist, rät die SGAIM zuerst Eisenpräparate in Form von Tabletten oder Tropfen zu nehmen (Ausnahme: Aufnahmestörungen durch Magendarmerkrankung). Eiseninfusionen können in seltenen Fällen zu einem allergischen Schock führen oder einer Überladung der Eisenspeicher, die Organe wie Leber, Herz, Pankreas, Gehirn und Muskeln schädigen kann. Häufig sind unschöne Hautveränderungen an der Einstichstelle. Gegen unnötige Eiseninfusionen sprechen auch die höheren Behandlungskosten im Vergleich zu Präparaten.

Fachgesellschaft: Allgemeine Innere Medizin

9
Opioide
Bei Rückenschmerzen oder Migräne möglichst vermeiden

Empfehlung: Opiate gegen Schmerzen können starke Nebenwirkungen haben und bei Migräne die Beschwerden sogar verstärken.

Nutzen: Weniger Nebenwirkungen.

Hintergrund: Die unerwünschten Wirkungen von Opiaten bereiten Ärztinnen und Ärzten schon länger Sorge. Neben Symptomen wie Verstopfung, Übelkeit, Müdigkeit und Schwindel fallen vor allem Abhängigkeit und Überdosierungen ins Gewicht. Bei Migräne helfen opioidhaltige Schmerzmittel zudem weniger gut als spezifische Migränemedikamente und können die Kopfschmerzen sogar verschlimmern. Sie sollten daher nur in Betracht gezogen werden, wenn andere Behandlungen keine Linderung bringen. Auch bei starken akuten Rückenschmerzen («Hexenschuss») gibt es keine Studien, die einen Nutzen durch opioidhaltige Schmerzmittel belegen. Bei Personen mit chronischen Rückenschmerzen konnte lediglich eine leichte Schmerzlinderung gezeigt werden. Diese Patienten sollten vorrangig nicht-medikamentös behandelt werden. Falls dies nicht hilft, sind gängige Schmerzmittel ohne Opioide angezeigt.

Fachgesellschaften: Rheumatologie, Neurologie

10
Säureblocker
Möglichst wenig und nur begrenzt

Empfehlung: Magensäure-Blocker, auch Protonenpumpeninhibitoren (PPI) genannt, sollten in möglichst geringen Mengen und nur für begrenzte Zeit eingenommen werden.

Nutzen: Weniger unnötige Kosten, weniger Nebenwirkungen.

Hintergrund: Wenn zu viel Magensäure gebildet wird, führt dies manchmal zu Beschwerden. Die Verdauungsflüssigkeit kann auch in die Speiseröhre fliessen und dort die Schleimhaut schädigen. Die Folge sind Sodbrennen oder Schmerzen in der Magengegend bis hinauf zum Kehlkopf (Reflux-Erkrankung). Medikamente, die die Bildung von Magensäure verringern, lindern solche Beschwerden oft, sie haben aber auch Nebenwirkungen. Mit der Zeit kann beispielsweise die Knochenfestigkeit abnehmen und das Ansteckungsrisiko durch bestimmte Krankheitserreger steigen. Zudem gewöhnt sich der Magen an die Behandlung und produziert mehr Säure. Beim Absetzen des Medikaments entstehen dann manchmal stärkere Beschwerden als zuvor. Magensäure-Blocker oder ähnliche Medikamente sollten deshalb nicht in grossen Mengen und über längere Zeit eingenommen werden. Die Nebenwirkungen können dann den Nutzen der Behandlung übersteigen.

Fachgesellschaften: Allgemeine Innere Medizin, Gastroenterologie

11
Antibiotika
Kein Nutzen bei Erkältung

Empfehlung: Ärzte sollen unkomplizierte Infekte der oberen Luftwege nicht mit Antibiotika behandeln.

Nutzen: Weniger Antibiotikaresistenzen, weniger Nebenwirkungen, tiefere Kosten.

Hintergrund: Schnupfen, Husten oder Halsschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen, wieso der Hausarzt aufgesucht wird. Fast immer sind Viren die Schuldigen. Und gegen diese helfen Antibiotika nicht. Die Medikamente hindern ausschliesslich Bakterien am Wachsen, nicht jedoch Viren. Auch wenn die Symptome manchmal sehr unangenehm sind: Einfache Infekte der oberen Luftwege halten in der Regel höchstens ein bis zwei Wochen an und heilen von selbst ab. Antibiotika verkürzen diese Dauer nicht und bringen auch sonst keine Linderung. Dafür erhöhen sie das Risiko, dass antibiotikaresistente Bakterien entstehen. Bei diesen sind die Medikamente dann wirkungslos, wenn es beispielsweise bei einer bakteriellen Lungenentzündung wirklich ernst gilt.

Fachgesellschaften: Allgemeine Innere Medizin, Infektiologie

12
Schlaf- und Beruhigungsmittel
Möglichst keine Benzodiazepine

Empfehlung: Bei älteren Erwachsenen, die unter Schlaflosigkeit, Unruhezuständen oder Verwirrtheit leiden, sollen Benzodiazepine oder ähnliche Arzneien nicht Mittel der ersten Wahl sein.

Nutzen: Weniger Stürze, Verkehrsunfälle, Hospitalisierungen und Todesfälle.

Hintergrund: Benzodiazepine gehören zu den am häufigsten verschriebenen Psychopharmaka. Sie führen rasch zu Abhängigkeit und haben ein breites Spektrum an unerwünschten Wirkungen. Die Fachgesellschaften der Geriater und der Allgemeinmediziner raten, insbesondere bei älteren Erwachsenen nach Möglichkeit auf Benzodiazepine und auch auf andere Beruhigungs- oder Schlafmittel zu verzichten. «Grosse Studien zeigen immer wieder, dass sich das Risiko für Verkehrsunfälle, Stürze und Hüftfrakturen sowie Hospitalisierungen oder Tod bei älteren Menschen mehr als verdoppeln kann», schreiben sie. Ältere Patienten und das Gesundheitspersonal müssen den Nutzen und die potenziellen Gefahren der verschiedenen Behandlungsstrategien für Schlaflosigkeit, Unruhezustände oder Verwirrtheit kennen.

Fachgesellschaften: Geriatrie, Allgemeine Innere Medizin

Früherkennung

13
Darmkrebs-Früherkennung
Nur alle zehn Jahre

Empfehlung: Nach einer unauffälligen Darmspiegelung sollte die nächste Untersuchung erst nach 10 Jahren erfolgen, bei unproblematischen Darmpolypen meist frühestens nach fünf Jahren. Im Alter sollte die Notwendigkeit der Untersuchung sorgfältig abgewogen werden.

Nutzen: Weniger unnötige Untersuchungen, weniger Komplikationen, tiefere Kosten.

Hintergrund: Eine Darmspiegelung ist neben regelmässigen Stuhluntersuchungen eine der beiden Möglichkeiten, Dickdarmkrebs frühzeitig zu erkennen. Sie wird ab dem 50. Lebensjahr regelmässig empfohlen. Weil dieser Krebs meist langsam entsteht, muss eine nächste Spiegelung erst nach zehn Jahren wiederholt werden, wenn keine Hinweise auf eine Krebserkrankung vorhanden sind. Vorwölbungen in der Darmschleimhaut, auch Darmpolypen genannt, entfernt der Arzt während der Spiegelung und lässt sie im Labor analysieren. Wenn nur ein oder zwei kleine Polypen vollständig entfernt wurden und kein Verdacht auf Krebs-Vorstufen besteht, braucht es erst nach fünf bis zehn Jahren eine erneute Spiegelung. Im hohen Lebensalter und bei schweren Vorerkrankungen sollten Ärzte die Untersuchung nur in gut begründeten Fällen vornehmen.

Fachgesellschaften: Gastroenterologie, Chirurgie

14
Gesundheitschecks
Unnötige Therapien als Folge

Empfehlung: Personen, die nicht unter Symptomen leiden, brauchen keine regelmässigen Check-ups. Ausnahme: Krebsscreening, Blutdruck- und Cholesterin-Messungen.

Nutzen: Keine Fehlalarme, die zu Folgeuntersuchungen und -therapien mit möglichen Komplikationen führen, tiefere Kosten.

Hintergrund: Personen ohne erkennbares Leiden profitieren nicht von wiederholten Gesundheitschecks. Es kommt weder zu weniger Herzinfarkten und Schlaganfällen, noch sinkt deswegen die Krebs- und die Gesamtsterblichkeit. Dem fehlenden Nutzen gegenüber stehen jedoch die negativen Folgen von Überdiagnostik. Falsch positive Resultate von Blutuntersuchungen, Elektrokardiogrammen sowie Messungen im Computer- oder Magnetresonanztomografen führen oft zu weiteren unnötigen Abklärungen. Sie generieren Kosten und können unnötige Behandlungen nach sich ziehen, die wiederum Komplikationsrisiken bergen. Von der Empfehlung ausgenommen sind Screening-Untersuchungen mit wissenschaftlich belegtem Nutzen, insbesondere einzelne Krebsvorsorgeuntersuchungen (vor allem Darmkrebs) sowie die Messung von Blutdruck und Cholesterinspiegel. Auch Lebensstilberatungen, etwa bei Rauchern oder bei Übergewicht, bringen etwas.

Fachgesellschaft: Allgemeine Innere Medizin

15
Prostatakrebs
Zurückhaltung bei der Früherkennung

Empfehlung: Patienten ohne besondere Beschwerden oder Risikofaktoren sollen den Früherkennungstest von Prostatakrebs nur erhalten, wenn der Arzt eingehend über Risiken und Nutzen informiert hat.

Nutzen: Weniger Überbehandlung mit Inkontinenz und Impotenz als Folge.

Hintergrund: Jeder vierte Mann in der Schweiz zwischen 50 und 74 Jahren macht jährlich den Früherkennungstest. Dabei wird im Blut die Menge des prostataspezifischen Antigens (PSA) gemessen. Das gibt Hinweise auf einen möglichen Prostatakrebs. Allerdings ist die Aussagekraft umstritten. Grosse Studien zeigen einen fraglichen Nutzen bei erheblichen Risiken der Behandlung. Bei einer Operation oder Bestrahlung kommt es danach oft zu Inkontinenz und/oder Impotenz. «Die Patienten sollten das Risiko von Überdiagnostik und Überbehandlung verstehen, bevor sie sich einem Test unterziehen», schreibt die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM). Die Aufklärung erfolgt dabei am besten in Form eines strukturierten Gesprächs, bei dem eine gemeinsame Entscheidung getroffen wird. Bei über 75-Jährigen soll der Screeningtest gar nicht angeboten werden. Grundsätzlich wächst Prostatakrebs oft nur sehr langsam und bleibt über Jahre beschwerdefrei. Aus diesem Grund kann es bei Patienten auch nach einer Diagnose sinnvoll sein, die Krebserkrankung zunächst zu beobachten und regelmässig zu kontrollieren.

Fachgesellschaften: Allgemeine Innere Medizin, Radio-Onkologie

Im Spital/Heim

16
Blut- und Röntgenuntersuchungen
Nicht ohne klare Fragestellung

Empfehlung: Im Spital sind umfangreiche Blut- oder Röntgenuntersuchungen in regelmässigen Abständen nur mit einer klaren Fragestellung sinnvoll.

Nutzen: Weniger Risiken, weniger nutzlose Abklärungen, tiefere Kosten.

Hintergrund: Auch bei Blutanalysen, Röntgenbildern, Elektrokardiogrammen oder Blutgasanalysen gilt nicht: je mehr, desto besser. Solche Untersuchungen werden im Spital oft täglich oder in anderen regelmässigen Abständen verordnet. Doch ohne eindeutige Fragestellung sei dies nicht sinnvoll, sagen Fachgesellschaften. Solche Routineverordnungen würden im Vergleich zu gezielten Untersuchungen keinen zusätzlichen Nutzen bringen. Dafür haben sie manchmal Risiken und Nebenwirkungen. Oder sie können bei unklaren Befunden weitere aufwendige, oft nutzlose Abklärungen oder Eingriffe nach sich ziehen.

Fachgesellschaften: Allgemeine Innere Medizin, Intensivmedizin

17
Bluttransfusion
So wenig wie möglich

Empfehlung: Bei Transfusionen nur die minimal benötigte Menge von Blutkonserven verwenden.

Nutzen: Weniger Komplikationsrisiken, tiefere Kosten, geringerer Verbrauch von Spenderblut.

Hintergrund: Bei stabilen Patienten im Spital empfehlen die Fachgesellschaften der Intensivmediziner und der Allgemeinmediziner, die kleinstmögliche Transfusionsmenge zu verwenden. Gerade genug, um Blutmangelsymptome zu lindern beziehungsweise einen sicheren Hämoglobinwert zu erreichen. Grössere Mengen der Blutkonserven (Erythrozyten-Konzentrat) bringen keine besseren Resultate, erzeugen jedoch höhere Kosten. Zudem besteht für die Patienten ein Risiko für Komplikationen, zum Beispiel eine Kreislaufüberlastung oder Lungenprobleme. Zurückhaltung bei den Transfusionen spart zudem gespendetes Blut.

Fachgesellschaften: Allgemeine Innere Medizin, Intensivmedizin

18
Mobilisation
Raus aus dem Krankenbett

Empfehlung: Ältere Menschen während des Krankenhausaufenthalts nicht zu lange im Bett liegen lassen.

Nutzen: Schnellere Genesung, seltenere Stürze, weniger Rehabilitation, weniger Pflegeheimplatzierungen.

Hintergrund: Über die Hälfte der älteren Menschen, die ursprünglich ohne Einschränkung gehen konnten, verlieren diese Fähigkeit während eines Spitalaufenthalts. Um dies zu verhindern, braucht es früh eine sogenannte Mobilisation. Das heisst, die Patienten sollen sich so bald wie möglich bewegen, auch wenn bei einer Erkrankung oder Operation der Heilungsprozess noch in vollem Gang ist. Das sei entscheidend für die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit älterer Menschen, schreibt die SGAIM. Die frühe Mobilisierung senkt die Dauer des Krankenhausaufenthalts und macht eine Rehabilitation oder eine Platzierung im Pflegeheim seltener notwendig. Schliesslich sinkt auch das Sturzrisiko und überhaupt die Sterblichkeit.

Fachgesellschaft: Allgemeine Innere Medizin

19
Blasenkatheter
Nicht aus Bequemlichkeit

Empfehlung: Im Spital sollen Patienten keine dauerhaften Blasenkatheter erhalten, wenn dies nur dem Komfort dient.

Nutzen: Weniger Spitalinfektionen, tiefere Kosten.

Hintergrund: In der Schweiz ziehen sich pro Jahr 70’000 Patienten im Spital eine Infektion zu. Blasenkatheter sind dabei der häufigste Grund. Rund jede fünfte Spitalinfektion ist darauf zurückzuführen. Die SGAIM empfiehlt deshalb einen Verzicht auf Blasenkatheter bei Patienten mit Inkontinenz oder aus Bequemlichkeit ohne medizinischen Grund. Dadurch lässt sich nicht nur die Infektionsrate, sondern generell die Erkrankungs- und Sterbewahrscheinlichkeit senken. Auch die Behandlungskosten verringern sich. Die Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) fordert generell, auf invasive Instrumente wie Katheter, Sonden oder Drains zu verzichten, wenn kein Nutzen für den Patienten zu erwarten ist. Wenn der Einsatz jedoch aus medizinischen Gründen angezeigt ist, sollen die Ärzte die Notwendigkeit der Massnahme mit dem Ziel einer möglichst baldigen Entfernung immer wieder überprüfen.

Fachgesellschaften: Allgemeine Innere Medizin, Infektiologie, Intensivmedizin

20
Aggressive Demenzpatienten
Betreuung statt Psychopharmaka

Empfehlung: Keine Antipsychotika als erste Wahl bei Verhaltensauffälligkeiten oder psychischen Symptomen bei Demenz.

Nutzen: Weniger Stürze und Schlaganfälle, geringere Sterblichkeit, weniger Übersedierung.

Hintergrund: Der Einsatz von antipsychotischen Medikamenten ist häufig. Gründe sind Aggressivität, Widerstand gegenüber dem Pflegepersonal oder andere schwierige Verhaltensweisen bei den Betroffenen. Die Medikamente haben nur eine begrenzte und unzuverlässige Wirksamkeit, sagt die Fachgesellschaft der Geriater. Dafür besteht das Risiko, dass die Patienten zu sehr gedämpft werden (Übersedierung) und sich der geistige Abbau beschleunigt. Es kommt öfter zu Stürzen, Schlaganfällen und einer erhöhten Sterblichkeit. «Die medikamentöse Behandlung von Demenzpatienten sollte sich auf Fälle beschränken, in denen nicht-medikamentöse Therapien keine Wirkung zeigen oder die Patienten eine unmittelbare Gefahr für sich selbst oder andere darstellen», heisst es in den Empfehlungen. Oft können Ursachen für eine Verhaltensänderung ermittelt und ohne Medikamente angegangen werden.

Fachgesellschaft: Geriatrie

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Magensonde
Normales Essen für Demente

Empfehlung: Magensonden durch die Haut sind bei Patienten mit fortgeschrittener Demenz zu vermeiden.

Nutzen: Weniger Unruhezustände, Beruhigungsmittel und Lungenentzündungen, geringere Sterblichkeit.

Hintergrund: Patienten mit schwerer Demenz sollten, wenn immer möglich, von einer Pflegeperson bei der Nahrungseingabe vorsichtig unterstützt werden. Das braucht mehr Zeit und Personal als die Ernährung mittels einer sogenannten perkutanen Magensonde. Die Vorteile der normalen Nahrungszufuhr gegenüber der Magensonde sind laut der Schweizerischen Fachgesellschaft für Geriatrie (SFGG) erheblich: Das Sterblichkeitsrisiko sinkt, und es kommt seltener zu einer Lungenentzündung durch eingeatmeten Mageninhalt. Sondenernährung führt zudem öfter zu Unruhezuständen und macht häufiger den Einsatz von Fixierungen und medikamentöser Ruhigstellung nötig. Auch gibt es mehr sich verschlechternde Druckgeschwüre.

Fachgesellschaft: Geriatrie